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Interview mit Martin Kliehm
Pressemitteilung vom 19.08.2008
Wir haben Martin Kliehm gebeten, einige Fragen zu seinem Workshop "WAI ARIA in der Praxis" zu beantworten. Wirklich interessant, was mit ARIA schon heute möglich ist!
Woran liegt es Ihrer Meinung, dass Web 2.0 Anwendungen oft nicht barrierefrei sind und auch Usability-Probleme bereiten?
Web 2.0 Anwendungen simulieren oft das Verhalten auf dem Desktop, aber unvollständig. Beispielsweise funktioniert Drag & Drop, aber die Anwendung ist nicht mit der Tastatur zu bedienen. Das ist eine Wissenslücke bei den Entwicklern. Außerdem gibt es neue Bedienelemente, wie Schieberegler, die mit HTML 4 nicht semantisch erfasst werden können. Andere Bedienelemente sind „hübscher“, also etwa statt eines grauen JavaScript-Hinweises ein designtes Hinweisfeld. Browser hatten bisher nicht die Möglichkeit, diesem Hinweisfeld die gleiche Bedeutung zuzuweisen wie der grauen JavaScript-Box.
Mit ARIA werden diese Lücken geschlossen. Es stehen zusätzliche Attribute zur Verfügung, um Bedeutung, Zustand und Beziehung einer Anwendung zwischen Browser und assistiver Technologie zu kommunizieren.
Welche Entwicklungen im Bereich ARIA können wir erwarten?
ARIA wird zukünftig von allen Browsern und vielen Screenreadern unterstützt. Der Umfang der Unterstützung wird noch steigen. Gleichzeitig wird die Technik vermehrt in großen Websites eingesetzt, etwa von Yahoo! oder Google. Zunehmend wird Support für ARIA in JavaScript-Frameworks und Blogging-Software integriert. ARIA hat in den letzten zwei Jahren eine rasante Entwicklung hinter sich und genießt sehr große Unterstützung bei Entwicklern und Browserherstellern. ARIA beeinflusst schon heute zukünftige Standards wie HTML5. Ich prophezeie dem Standard eine brillante Zukunft.
Welche Probleme im Bereich der Barrierefreiheit sehen Sie zukünftig auf uns zukommen, die nur schwer lösbar sind?
Eine Herausforderung ist vor allem die frühzeitige Integration von Barrierefreiheit in neue Technologien. Durch diese ergeben sich innovative Gestaltungsmöglichkeiten von Bedienelementen, für deren Barrierefreiheit neue Methoden entwickelt werden müssen. Zwei Beispiele:
Derzeit ist ein Design-Paradigma in aller Munde, der „Flow“. Plötzlich haben wir halbtransparente, sich bewegende Elemente auf der Seite, die dynamische Dinge tun, wenn man auf sie klickt. Mit bisherigen Regeln der Barrierefreiheit können wir das recht gut in den Griff bekommen, denn letztlich handelt es sich um bekannte HTML-Elemente. Dann gibt es aber auch neue Elemente, beispielsweise in HTML5. Hier gibt es auf einmal Video- und Audioplayer im Browser integriert, oder ganz neue bespielbare Flächen wie das Canvas-Element. Für dessen Inhalte sind derzeit noch keinerlei Mittel vorgesehen, um sie barrierefrei zu machen. Ein Canvas kann zum Beispiel mehrere Bilder enthalten, aber für sie gibt kein alt-Attribut. Andere Möglichkeiten sind so neu, dass geeignete Techniken zur Zugänglichkeit erst entwickelt oder von anderen Plattformen adaptiert werden müssen. Denken wir etwa an Second Life und die Bewegung im dreidimensionalen Raum. Oder an den Multitouch-Screen des iPhones. Wenn neue Technologien Barrierefreiheit integrieren, dann bildet sich das letztlich in Standards ab. Standards müssen weltweit Gültigkeit haben. Es gibt kein deutsches Internet oder ein deutsches iPhone. Eine wichtige Herausforderung ist darum die Harmonisierung der nationalen Richtlinien. In Großbritannien ist man da schon weiter: Statt das Rad neu zu erfinden und bestehende Standards national zu reformulieren, referenziert man diese Standards einfach. Die Arbeit der Gremien in Großbritannien fokusiert sich auf die Bereiche, in denen es noch keine Standards, Richtlinien oder Empfehlungen gibt.
- WAI ARIA in der Praxis
- 11.00 - 12.35 Uhr



Martin Kliehm widmet sich dem Thema 