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Interview mit Rainer Schlegel

Pressemitteilung vom 31.07.2007

Wir haben Rainer Schlegel gebeten, einige Fragen zu seinem Vortrag "Barrierefreies Webdesign: Was ist das?" zu beantworten. Was die grundsätzlichen Unterschiede zwischen barrierefreien und barrierebehafteten Internetseiten sind, verrät er uns jetzt schon in seinem Interview.

Foto von Rainer SchlegelRainer Schlegel war mehrere Jahre in der Industrie als Technischer Redakteur, Werbeberater und Leiter von Webprojekten tätig. 1999 hat er nebenberuflich mit Webdesign angefangen. Seit 2003 beschäftigt er sich mit barrierefreiem Webdesign und hat bereits einen BIENE-Award gewonnen.

2005 gründete er die agentur 52eins und ist seitdem als Designer und Berater für Industrie, Medienunternehmen und Behörden tätig.

Woran erkenne ich eigentlich eine barrierefrei gestaltete Website?

Das sind diese langweiligen, farblosen … nein im Ernst: Im besten Fall erkennt man es rein optisch nicht. Heutzutage zieht das Argument nicht mehr, mit barrierefreien Webauftritten ließen sich bestimmte Layouts nicht umsetzen. Webdesigner, die darauf beharren, haben’s eben nicht drauf. Barrierefreiheit spielt sich zunächst hinter den Kulissen ab, in der Bedienbarkeit und den Möglichkeiten, sich die Inhalte mit verschiedenen Zugangsmedien zu erschließen. Vordergründig kommen zum Beispiel Übersichtlichkeit, ausreichende Kontraste, skalierbare Schriften oder verständliche Sprache hinzu, Dinge, die man erst bemerkt, wenn man darauf angewiesen ist.

Für wen ist Barrierefreiheit und wem nützt sie?

Sie ist für alle. Leider wird sie immer wieder auf „Zugänglichkeit für Blinde oder Behinderte“ reduziert. Dabei vergessen wir aber die Vielfalt der Webnutzung. Wir sind mit verschiedenen Voraussetzungen konfrontiert, denen wir den uneingeschränkten Zugang gewähren sollten. Angefangen bei unterschiedlichen Geräten vom PC oder Mac bis zum web-fähigen Handy oder Navigationssystem. Wir erleben unterschiedliche Kenntnisse im Umgang mit technischen Geräten durch Kinder, berufsmäßige Webnutzer oder Senioren. Und es gibt alltägliche Einschränkungen wie langsame Datenleitungen, Sehschwäche durch Müdigkeit, Alter oder angeborene Fehlsichtigkeit, Bewegungseinschränkungen durch Unfall oder Krankheit, Kontrastprobleme bei Notebook-Nutzung im Freien. Nichts davon hat mit wirklicher Behinderung zu tun. Daher: Barrierefreiheit nützt allen.

Warum ist aus Ihrer Sicht die Grundlagenvermittlung so wichtig?

Bei Anbietern von Webauftritten herrscht oft noch die Meinung vor: „Wer sich meinen Webauftritt ansehen will, soll sich halt kümmern“. Wer so denkt, hat schon verloren. Es gibt für alles genügend andere Anbieter. Und es geht eben nicht nur um die Zugänglichkeit für Behinderte. Wer das nicht verstehen will, missachtet die rasante Entwicklung in Kommunikation, Handel/Dienstleistungen und Internet. Und es gibt einfach noch zu viele Angebote mit dem Hinweis: „Optimiert für …“. Und wie schon oben betont: Auch Web-Dienstleister müssen es drauf haben, wenn sie überleben wollen. Die überwiegende Masse kruder Tabellenlayouts beweist, dass wir immer noch am Anfang stehen.

Welche Argumente können Sie für Barrierefreiheit ins Feld führen?

Was heute als Web 2.0 propagiert wird, ist im Grunde die Entwicklung von einer Plakatwand hinter Glas zu einem Kommunikationsmedium, in dem jeder eine Stimme hat und diese auch einsetzen kann. Wer hier Nutzer durch Zugangsbeschränkungen ausgrenzt, ob bewusst oder unbeabsichtigt, wird gnadenlos abgestraft. Jeder Nutzer hat die Möglichkeit, in Blogs und Foren seine Meinung über Anbieter und Produkte kundzutun. Die soziale Vernetzung dieser Kommentare steuert die Meinungsbildung. Sich dem zu entziehen, ist für kommerzielle Anbieter gleichbedeutend mit dem Schließen von Geschäften während der Hauptgeschäftszeit. Internet ist heute selbstverständlich, Barrieren werden einfach nicht mehr klaglos akzeptiert.

Stichwort "BIENE-Award": Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung?

Barrierefreiheit im Netz ist nur in Teilbereichen automatisiert messbar. Daher braucht es anerkannte Stellen, die glaubwürdig Barrierefreiheit bestätigen können. Die BIENE ist bisher der einzige Wettbewerb im deutschsprachigen Raum, der in nur 4 Jahren einen Quasi-Standard geschaffen hat, der von Anbietern und Entwicklern gleichermaßen anerkannt wird. Die Diskussion um die kreative Pause der BIENE in diesem Jahr zeigt, wie wichtig dieser Wettbewerb für das Sich-messen-können geworden ist. Persönlich kann ich auch bestätigen, dass viele Anfragen an mich sinngemäß beginnen: „Da sie schon BIENE-Awards gewonnen haben …“. Und die Vielfalt der BIENE-prämierten Arbeiten zeigt, dass es geht, wenn man nur will.

Barrierefreies Webdesign: Was ist das?
09.35 - 10.20 Uhr

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